IRRTÜMER WENN JUNGS SICH ANZIEHEN, SOLLTEN SIE
NICHT GENAU WISSEN, WAS SIE TUN
Es ist gar nicht so einfach zu begründen, warum ich
modische Männer nicht mag. Das klingt gleich so, als wäre
ich der weit verbreiteten Meinung: "Frauen müssen hübsch
sein, bei Männern ist der Intellekt wichtig." Aber so
einfach ist es nicht. Männer sollen natürlich toll
aussehen, aber es kommt dabei auf die Gratwanderung an
zwischen Modebewusstsein und der unangestrengten
Sicherheit, was man durch sein Äußeres zeigen möchte. Und
wenn es ein guter Mann ist, dann muss er darauf keine zwei
Minuten verschwenden. Offensichtlich wird meine Abneigung
gegenüber modischen Männern beim Durchblättern von
Modezeitschriften. Eigentlich sind diese Jungs alle sehr
hübsch; tolle Fotografen haben sie begehrenswert ins Licht
gesetzt; und Stylisten, die die Nase immer vorn haben,
haben sie in die modernsten modischen Klamotten gesteckt.
Aber mich erregt nur der Anblick von Amber Valetta, die in
einer Werbeanzeige von ein paar Jungs in die Mitte genommen
wird. Die Jungs selber sind lächerlich. Sie besitzen nicht
die Souveränität, das Mädchen in der Mitte strahlen zu
lassen. Sie möchten mit ihr konkurrieren, anstatt zu tun,
was ihnen viel besser stünde: sie bewundern nämlich,
darüber schmunzeln, dass die meisten Männer sich die Köpfe
nach ihr verrenken und sich still verhalten in ihren
Kaschmirpullis. Von welcher Marke der Pulli ist und woher
sie ihn haben, sollten sie eigentlich gar nicht so genau
wissen. So, als wäre er einfach irgendwann da gewesen - nur
für sie selber bestimmt. Über die Jungs in den
Modezeitschriften kann ich mich aber nicht wirklich
aufregen. Wahrscheinlich tun sie nur ihren Job. Aber von
welchem Teufel werden die geritten, die im wirklichen Leben
Schuhe von Versace kaufen, Hemden von Helmut Lang und ihre
Haare schneiden lassen wie Liam Gallagher oder Werner
Schreyer? Die damit dann in die Arbeit gehen und abends im
Club die anderen schlecht neben sich aussehen lassen
wollen. Als wären sie ihnen voraus, als hätten nur sie die
Zeichen der Zeit erkannt. Und gehen wir mal davon aus, dass
sie '95 die Mode von '95 tragen, '96 die Mode von '96 und
'97 die Mode von '97, dann sind sie halt einfach nur
modisch. Das ist traurig. Und irgendwie auch zu wenig.
Heutzutage sind modische Jungs aber gar nicht mehr auf den
ersten Blick von lässigen zu unterscheiden. Mode klaut mehr
denn je von der Straße, und ich lasse mich in
unaufmerksamen Momenten leicht von verklebten Haaren oder
eher beiläufig hochgeschlagenen Jeans täuschen. Bei
genauerem Hinsehen sind die Haare dann aber leider Strähne
für Strähne mit Haarwachs modelliert, und im Face sehe ich
mit Schrecken, dass man Jeans jetzt wieder mit breitem
Aufschlag trägt. Brrrrr! Aus ist der Zauber. Der junge Mann
ist entlarvt: Er überlässt es denen, die es angeblich
besser wissen, ihm seine eigene Coolness zu diktieren.
Plötzlich sieht alles nur noch aus wie eine Verkleidung;
nichts ist mehr zufällig und erst recht nicht charmant. Die
ganze Coolness ist auf den zweiten Blick dahin. Ich
verliebe mich nicht in Oberarme, die im Fitnessstudio
aufgepumpt wurden, sondern in solche, die ganz
versehentlich gut geformt sind. Das Bewusstsein, gut
auszusehen, nimmt Jungs aber jeglichen Charme. Das fängt
bei den Oberarmen an und hört bei Prada-Loafers und
Calvin-Klein-Sonnenbrillen auf. Das soll kein Werbetext für
Edwin-Jeans, Fruit-of-the-Loom- TShirts und in den
Hosenbund gesteckte Pullover sein. Ich weiß genau, was ich
an einem Mann sehen will und was nicht. Und wenn mir sein
Stil gefällt, kann ich mir fast sicher sein, dass er mir
auch als Mensch gefällt. Modische Männer sind da eher eine
Mogelpackung. Und außerdem glaube ich, dass sie dumm sind.
HEIKE MAKATSCH [Goethe/Jetzt-Online]